Ahornsirupkrankheit erklärt von Veronika Oberpriller

Ahornsirupkrankheit erklärt von Veronika Oberpriller
1. Was versteht man unter Ahornsirupkrankheit?
Die Ahornsirupkrankheit ist eine angeborene Störung im Aminosäurestoffwechsel, bei der die verzweigtkettigen Aminosäuren (Leucin, Isoleucin und Valin) nicht bzw. nicht vollständig abgebaut werden können und sich im Körper anreichern.
Der Name Ahornsirupkrankheit kommt von dem süßlichen Urin- und Körpergeruch, den unbehandelte Patienten ausströmen.
Als Synonym werden die Begriffe MSUD und Leucinose verwendet. MSUD ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung maple syrup urine disease, was wörtlich übersetzt Ahornsirup-Urinkrankheit bedeutet. Leucinose bezieht sich auf die besonders schädliche Aminosäure Leucin, die therapiebestimmend ist.
2. Häufigkeit
Die Ahornsirupkrankheit kommt in Deutschland mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 1 : 200.000 bis 1:300.000 (je nach Quelle) vor.
3. Vererbung
MSUD wird durch einen Gendefekt verursacht: der Patient muss von beiden Eltern ein defektes Gen vererbt bekommen, damit die Krankheit auftritt. Wird nur von einem Elternteil ein kaputtes Gen geerbt, ist er lediglich Überträger (wie seine Eltern auch).
Die Wahrscheinlichkeit liegt somit bei 25%, dass Eltern, die beide Überträger sind, ein Kind mit MSUD bekommen.
4. Formen
Im Wesentlichen erfolgt eine Unterteilung in klassische MSUD und mildere Formen. Die Typen unterscheiden sich durch die Restaktivität des Enzymsystems zum Abbau der verzweigtkettigen Aminosäuren: bei der klassischen MSUD ist die Restaktivität am geringsten und je milder, desto mehr verzweigtkettige Aminosäuren (und damit desto mehr Eiweiß aus der Nahrung) können noch verstoffwechselt werden.
Ca. 80% aller Patienten haben klassische MSUD.
5. Diagnose
5.1 Vor Einführung des Neugeborenenscreenings
Vor Einführung des Neugeborenenscreenings erfolgte die Diagnose – wenn überhaupt – erst nach einer Stoffwechselentgleisung.
Die Neugeborenen waren zunächst unauffällig. Nach einigen Tagen entwickelten sie folgende Symptome:
• Trinkschwäche, Erbrechen
• schrilles Schreien
• typischer ahornsirupartiger Geruch
• Schläfrigkeit, Lethargie
• Überstrecken des Körpers, Krampfanfälle
Schließlich fielen sie ins Koma. Weiter unbehandelt führt die Ahornsirupkrankheit zum Tode. Wurde die Diagnose Ahornsirupkrankheit noch rechtzeitig gestellt, musste deshalb schnellstmöglich mit der Notfallbehandlung – wie unten beschrieben – begonnen werden. In wie vielen Fällen betroffene Kinder unerkannt verstarben oder schwerwiegende geistige / körperliche Schädigungen davon trugen, darüber kann nur spekuliert werden.
5.2 Nach Einführung des Neugeborenenscreenings
Das Neugeborenenscreening für MSUD wurde je nach Bundesland zu unterschiedlichen Zeitpunkten, spätestens jedoch 2005, eingeführt. Im Regelfall erfolgt deshalb heutzutage die Diagnose, bevor die Kinder entgleisen und es kann frühzeitig mit der erforderlichen Behandlung begonnen werden.
6. Behandlung
6.1 Diätetische Langzeitbehandlung
Es gibt keine Medikamente, um die MSUD zu heilen, aber sie ist mit einer streng eiweißarmen Diät gut behandelbar. Die Diät gestaltet sich ähnlich wie bei PKU, nur dass statt der Phenylalanin- die Leucinzufuhr berechnet wird. Leucin ist wie schon beschrieben die therapiebestimmende Aminosäure, da es wie Gift auf das Gehirn wirkt.
Wichtig bei der Ahornsirupkrankheit ist, unbedingt stark erhöhte Leucin-Blutwerte zu vermeiden, denn dann besteht immer die Gefahr einer Stoffwechselentgleisung. Insb. katabole Stoffwechselsituationen sind problematisch. Katabol bedeutet, dass der Körper von Gewebeaufbau auf Gewebeabbau umschaltet und dann Protein aus den Muskeln unkontrollierbar freigesetzt wird. Dies passiert immer dann, wenn die Energiezufuhr zu gering ist oder bei Infektionen / Fieber etc. Der Leucinwert im Blut kann aber auch ansteigen, wenn zu wenig Leucin, Isoleucin, Valin oder Aminosäuremischung zugeführt wird – und natürlich auch bei einer zu hohen Leucinzufuhr. Heimliches Naschen rächt sich schnell, eine Beendigung der eiweißarmen Diät ist niemals möglich.
Die medizinische Kontrolle besteht analog zur PKU aus der regelmäßigen Vorstellung im Stoffwechselzentrum und den regelmäßigen Blutentnahmen (je nach Alter und individueller Stoffwechselsituation alle 1 – 4 Wochen). Im Unterschied zur PKU wird Frischblut benötigt, da nur darin die einzelnen Aminosäuren getrennt gemessen werden können.
Bei erhöhtem Leucinwert wird zunächst wie bei erhöhten Phe-Spiegeln verfahren: die Leucinzufuhr muss reduziert, die Energiezufuhr erhöht werden (z.B. durch Einnahme von Maltodextrin) und die Blutwerte werden nach 1 Woche erneut kontrolliert. Ggf. muss man Isoleucin und / oder Valin extra einnehmen. Steigen die Blutwerte weiter an, muss mit der Notfallbehandlung (s.u.) begonnen werden.
Die zulässigen Grenzwerte für die Aminosäuren im Blut sind je nach Stoffwechselzentrum und Land unterschiedlich. Leucin sollte bei den meisten zwischen ca. 1-4 mg/dl liegen. Bei chronisch erhöhten Leucinwerten sind Entwicklungsverzögerungen bis hin zu geistiger Behinderung möglich.
Jeder Patient sollte einen Notfallausweis mit Kontaktdaten des behandelnden Stoffwechselzentrums und Angaben zur Erstversorgung in Notfällen besitzen.
6.2 Notfallbehandlung bei (drohender) Stoffwechselentgleisung
Fühlt sich der Patient immer schläfriger, hat keinen Appetit mehr oder erbricht, kann das auf einen sehr hohen Leucinspiegel im Blut hindeuten. Weitere Symptome sind ein schwankender Gang bzw. Gleichgewichtsstörungen, eine verwaschene Sprache oder auch Halluzinationen.
Kann der Leucinspiegel weiterhin nicht gesenkt werden, wird der Patient unweigerlich ins Koma fallen.
Bei einer drohenden Stoffwechselentgleisung sind die Betroffenen deshalb unverzüglich in die Klinik zu bringen, wo dann mit der Notfallbehandlung begonnen wird. Per Infusion wird Glucose zugeführt, ggf. erfolgt auch die Gabe von Insulin. Falls erforderlich wird eine Blutwäsche durchgeführt.
7. Outcome
Bei langfristig guter Stoffwechseleinstellung ist eine völlig normale Entwicklung möglich.
Bei chronisch erhöhten Blutwerten sind jedoch Veränderungen im Gehirn feststellbar, die Patienten können u.a. neurologische Defizite sowie eine verminderte Intelligenz aufweisen, oder ihre psychomotorische Entwicklung verläuft verzögert.
8. Ausblick für die Zukunft
In Einzelfällen wurden Lebertransplantation durchgeführt, nach denen sich die Patienten normal ernähren konnten. Die möglichen Komplikationen rechtfertigen aber im Regelfall kein solches Vorgehen.
Die Mediziner erhoffen sich für die Zukunft eher Behandlungsmöglichkeiten aus der Gentherapie. Erste Versuche an Tieren waren vielversprechend.

Die Informationen sind entnommen der Nutricia metabolics GmbH Infoschriften